Lieber 495,95 Hochzeitsfotograf…

Lieber 495,95 Hochzeitsfotograf…

…wir kennen uns nicht und ich werde mich hüten, dich als Synonym für unseriöse Geschäftspraktiken und “Marktkaputtmacher” zu benutzen. Allerdings hatte ich kürzlich ein sehr erleuchtendes Gespräch und ich habe versucht mich für einen Moment in deine tagträumerische Finanzplanung hineinzudenken. Dazu später mehr.

Eins vorweg noch: Das ist MEINE Meinung die nicht zwingend richtig oder falsch sein muss. So hat es für mich funktioniert.

Jeder – oder zumindest  einige – , die die Fotografie für sich entdeckt haben, kommen irgendwann mal an den Punkt an dem mal gefragt wird, ob man nicht für Freund XY die Hochzeitsbilder machen kann. Budget ist – wie so oft – kaum vorhanden. Aber das stört dich nicht, denn selbst ein “Hunni” in der Tasche ist schon ne Menge Geld wenn man bedenkt, dass du die Fotografie ja aus einer Leidenschaft heraus betreibst. Da sind warme Worte und Schluterklopfer doch viel mehr wert als Geld oder ? ODER ?

Nun, so dachte ich auch und wenn man dann – wie viele – irgendwann dann mal so nen Gewerbeschein beantragt, damit man auch ruhigen Gewissens Geld für seine Arbeit nehmen kann ( in meinem Fall nötigte mich ein anderer Fotograf dazu unter Androhung von “Konsequenzen” …. Danke nochmal werter “Kollege” Uli ). Natürlich ist man völlig uneins mit sich, was man denn so für 6-10 Stunden verlangen soll. Es ist anzunehmen, dass  – gerade als Kleinunternehmer, denn du musst ja keine Mehrwertsteuer ans FA abführen – man denkt: “Ach komm, macht doch Spass … und bei 2 Hochzeiten im Monat kann ich mir ja schon nach 2 Monaten dat neue 85er kaufen. So vergehen die Monate und du schaufelst reichlich Geld auf die hohe Kante. Irgendwann wird dich jemand ansprechen – vermutlich wie in meinem Fall ein anderer Fotograf und unterrichtet dich darüber, dass du viel zu preiswert bist.

Das Thema “billige Hochzeitsfotografen machen den Markt kaputt” lasse ich hier bewusst weg, weil das zu platt und einfach formuliert wäre. Da gibt es nicht nur schwarz und weiß.

“Nun gut” denkst du dir …. “Ich bin zu billig, aber was soll ich denn machen, bei allem über 500 Euro sagen mir die Paare ab”

Gut erkannt, da beginnt schon das Tänzchen. Deine Einstiegspreise sprechen sich gefühlt schneller rum als deine tollen Fotos ( die du mit Sicherheit machst ). Viele Menschen sind nun mal Schnäppchenjäger und die tauschen sich mit anderen Schnäppchenjägern aus und so entsteht eine Spirale, aus der du nach einem Jahr  Niedrigpreispolitik ( “Die Leute kennen mich ja noch nicht und ich will nicht unfair sein, ect…” ) nicht mehr so ohne weiteres raus kommst. Auch ich habe erstaunte Blicke geerntet und Absagen kassiert als sich meine anfänglichen Preise verdoppelt hatten.

Die haben sich aber nicht verdoppelt, weil ich einfach was mehr für meine Arbeit haben wollte. Es ist so gekommen, weil mich einige Leute aus dem selben Tagtraum geweckt haben in dem du möglicherweise gerade steckst – den Daumen bis zum Anschlag im Mund.

Irgendwann wirst du vielleicht wie ich vorletzte Woche bei einem Fachmann sitzen, der dir den Weg in die Selbstständigkeit ein bisschen besser erklärt, als es das Internet kann. Möglicherweise wirst du dann auch mal den Gang zum Steuerberater antreten – wie ich in dieser Woche – du wirst erkennen, dass du dich entscheiden musst ob du Kleinunternehmer bleiben willst oder ob du irgendwann auch mal – zumindest einen Teil – deines Lebensunterhaltes bestreiten willst. Wenn es dein erklärtes Ziel ist beispielsweise von der Hochzeitsfotografie “leben” zu wollen und du sagst: “Ja, da will ich hin” dann empfehle ich dir dringend über deinen Preis nachzudenken. Mich selbst hat es vorgestern baff gemacht, als ich da saß und ich mir vorrechnen ließ, was mir abzüglich ALLER Unkosten, Steuern, Versicherungen,…noch am Ende blieb. Ich will hier keine Zahlen verbreiten aber wenn man schon alleine um die 25 % an Steuern auf Seite schaffen muss – alleine diese Zahl sagt schon viel darüber aus wo es mit dir hingeht.

Oft bin ich auf Internetseiten anderer Fotografen unterwegs, die genau die o.g. Preise für Hochzeitsreportagen ( 10 – 15 Std. ) ausloben. Selbstständige Fotografen mit Familienshootings für 39,95 , Business-Shootings für 99,95 usw. Ich sitze dann Abends hier und frage mich, wie die Leute ihr Geschäft aufrecht erhalten. Ich meine so ein Tag hat ja “nur” 24 Stunden von denen man auch mal pennen muss. Hier arbeitest du dann nur noch auf Masse und bist dann im Endeffekt ein “Dienstleister” wie jeder andere auch, der  sich Tag für Tag verrenken und auf den Kopf stellen muss um an seine Kohle zu kommen. Was meinst du, wie lange dir das noch Spass macht und wann es dir den Spass an der Fotografie verdirbt ?

Ich zitiere hier einen Satz den ich neulich gelesen habe und der besser nicht passen könnte:

“Das ist doch ein Tag meines Lebens – warum soll ich den verschenken ?”

Natürlich musst du dir selber ein Ziel stecken und wenn du der Meinung bist, dass dir 15,000 Euro Gewinn im Jahr reichen – dann nur zu. Versuch es. Aber stell dir besser nie die Frage, ob ein Paar dich bucht, weil du eine Werbetafel mit dem Aufdruck “Hier bekommt ihr für kleines Geld gute Hochzeitsfotos”  um den Hals hängen hast. Denn diese Erkenntnis wird dich an einer bestimmten Stelle hart treffen. Nämlich dann, wenn du mit ungebremster Leidenschaft in die offenen Arme der Schnäppchenjäger rennst. Du wirst Abends vor deinen Bildern sitzen und dir diese Frage stellen müssen. Und auch hier wieder: Wenn dir das egal ist – nur zu – aber die wenigsten werden in einem Job glücklich, der wenig abwirft und viel Zeit kostet. Und im speziellen Hochzeiten – die kosten einen Haufen Zeit. Emails schreiben, Paare treffen , die Hochzeit, Nachbereitung und und und….30 Stunden und mehr entfallen auf so ein Ereignis. Wenn dich ein Bruttostundenlohn von rund 16 Euro beflügelt noch besser zu werden – bitte erkläre mir deine Denkweise. Will auch was davon.

Du trägst mit deiner Arbeit dazu bei einen einmaligen Tag in wunderbaren Bildern festzuhalten. Ich will nicht übertreiben, aber du hast an so einem Tag eine der größten Verantwortungen die es gibt. Lass das nicht auf Geld reduzieren. Du bist unersetzlich.

Lass dir nicht einreden, dass deine Arbeit weniger als der Mindestlohn wert ist und fang an etwas für dich zu tun. Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich über Hochzeitsfotografen noch vor ein paar Jahren die Nase gerümpft habe, die 2000 Euro und mehr verlangen. Aber die Wahrheit ist, dass das einfach eine angemessene Bezahlung für eine Arbeit ist, die sonst keiner leisten kann außer dir.

Du wirst merken, dass sich dein Kundenklientel ändert, sobald du deine Preise sorgsam und mit Bedacht kalkulierst. Du wirst nicht mehr stolz auf Facebook posten, dass du ja Woche für Woche ausgebucht bist. Du wirst traurig vor deinem Email-Postfach sitzen und  dir denken, dass es ein Fehler war die Preise anzupassen. Deine Anfragen werden sich dritteln oder schlimmer – ich habe es auch erlebt. Aber es braucht eben eine Weile und wenn du so leidenschaftlich bist und so stur ein Ziel verfolgst, wie ich das jetzt einfach mal von dir annehme, dann wirst du DEINE Kunden bekommen. Du wirst nicht mehr die Kunden aus dem letzten Jahr bekommen.

Was meinst du was ich mir schon anhören konnte. Sätze wie: “Du hast doch gerade erst damit angefangen….da hätte ich gedacht du nimmst 100 Euro oder garnichts und sammelst erstmal Erfahrung.” Kein Spaß – solche Nachrichten hab ich bekommen.

Und dann hast du vielleicht mal später Familie – ein kleines Baby. Du wirst jeden Samstag weg sein, dich für ein paar 100 Euro ein ganzes Wochenende aufreiben und IRGENDWANN wird dich deine Frau fragen, ob jetzt mal so langsam was bei rumkommt oder ob du jetzt nur noch für ein Taschengeld 2 Tage arbeitest und als Ausgleich nicht mal mehr deine Familie siehst. So bescheuert das für dich klingen mag – aber mir fehlt meine Familie total am Wochenende und selbst dieses “Gefühl” fließt mit in meine Kalkulation.

Ich habe bestimmt schon 20 Absagen zu Taufen und Kommunionen bekommen – und damals hatte ich Preise die 100 Euro kaum überstiegen. Und weißt du was – jetzt kalkuliere ich oft das 3-4 fache und werde gebucht. Sei stur – sei strebsam. Lass dich nicht von Absagen abschrecken. Es wird immer einen geben, der deinen Preis unterbietet und du wirst dich oft in Versuchung sehen, deine Preise wieder nach unten zu korrigieren. Lass das ! Niemand wirkt unseriöser als jemand, der nicht hinter seinen Preise steht.

Natürlich gibt es auf dieser Strasse viele Stolpersteine und es wäre wohl auch zu pauschal zu sagen, dass du schlechte Arbeit ablieferst, wenn du nur Absagen bekommst. Da spielen noch so viele Faktoren eine Rolle. Vergiss nie: Hier reden Menschen mit Menschen und wenn du in den Augen des Paares ein – entschuldige bitte – Honk bist, dann bringen dir meiner Meinung nach gute Bilder auch nicht mehr allzuviel.

Sei DU – seit authentisch – spiel niemandem was vor, auch nicht dir selbst. Brautpaare sagen mir ab, aber ich sage auch Brautpaaren ab wenn die Chemie nicht stimmt. Nichts ist in meinen Augen authentischer als das. Wenn dir dieser Job so sehr am Herzen liegt, tu alles dafür, dass er dich dauerhaft glücklich macht. Nur wenn ihr alle ( dein Brautpaar und du ) glücklich über die Zusammenkunft seid, nur dann wird es ein geiler Tag für alle mit geilen Fotos am Ende. Nichts wird dir mehr Mundpropaganda bescheren, Man wird dir anmerken, wie glücklich du bist diesen Job machen zu können. Schwierig – wenn du irgendwann mal Abends nach 12 Stunden völlig verschwitzt zu dir selbst sagst: “Hm , und nur 500 Euro dafür …”

Lass dich beraten! Sprich mit anderen erfolgreichen Fotografen – lass dir auch da Tips geben. Nicht wäre schlimmer, wenn du nach 2 oder 3 Jahren plötzlich vor dem Nichts stehst weil du schlicht und einfach nicht mehr kannst. Lass es nicht so weit kommen.

Ich wünsche dir alles Gute für deinen fotografischen Weg.

“Das ist ein Tag DEINES Lebens – warum sollst du den verschenken ?”

 

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